Sonntag, 17. Juni 2012

Freitag, 15. Juni 2012: Rückzug

Wir geben auf; der Wetterbericht verheißt gar nichts Gutes, und jetzt noch mit der "Hal-binsel" Cotentin anfangen lohnt auch nicht. Also gehen wir auf Einkaufstour und treten dann die Heimreise an - 695 km mit abwechslungsreichem Wetter: Nieselregen, leichter Landregen, mittelstarker Regen und das, was neuerdings "Starkregen" heißt. Sprich: Fahrgeschwindigkeit 80 bis 110 km/h (= in Frankreich vorgeschriebene Maximalgeschwindigkeit auf Autobahnen bei Regen), nur einzelne Spitzen mit 120 km/h (= wetterunabhängige Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen in Belgien).

Gut, dass ich am Vorabend auf dem Rückweg von Arromanches noch die Normandie-Ikone gesehen und fotografiert habe: eine Wiese mit Apfelbäumen, einige wohl spät blühend, darunter eine Herde normannische "Brillenkühe" (die haben dunkle Flecken um die Augen) samt Kälbchen, und es regnet - mehr Normandie geht nicht. :-))

Donnerstag, 14. Juni 2012: Instant-Hafen

Am Strand. Als wir nach Arromanches-les-bains (das und 'n Badeort?? na ja …) kommen, ist ablaufendes Wasser: gut so, so kann man vor der sandigen Bucht des kleinen Ortes, in überraschender Entfernung von 2 km (sieht viel näher aus), die Reste von 8 km "Instant-Mole" des Militärhafens sehen, den die Engländer in Fertigteilen vorbereitet hatten und dann 175 km über den Ärmelkanal geschleppt haben, um über einen keineswegs improvisierten, sondern sorgfältig geplanten "Instant-Hafen" den Nachschub für die alliierten Kräfte in der Normandieschlacht sicherzustellen.

Le prix de la liberté. Auf der Felsnase im Osten des Ortes haben Maria, der gekreuzigte Jesus, Bunkerreste und die Aussichtsplattform von einem seltsamen Rundbau Gesellschaft bekommen: darin läuft auf den 9 Leinwänden eines 360-Grad-Kinos der 18minütige Film "Der Preis der Freiheit" mit dem Anspruch, die Landung in der Normandie aus Sicht eines einfachen Infanteristen darzustellen, indem Archivmaterialien und Bilder von heute überlagert werden (das "making of" ist allerdings fast interessanter als der Film selbst).

Wilde Orchidee. Auf dem Weg zum 360-Grad-Kino entdecke ich am Wegesrand eine der heimischen wilden Orchideen, wohl Bienenragwurz - ich bin sehr stolz, dass ich sie an diesem völlig unerwarteten Ort nicht übersehen habe.

Musée du débarquement. Trocken und auch nicht uninteressant - hier geht es naturgemäß vor allem um das "Instant-Hafen"-Projekt, mit allen 'Schikanen': Panoramablick auf die Bucht, Modelle inclusive Seegang und Tidenhub, Filmdokumente, dicke Testberichte von einzelnen Vorbereitungsexperimenten, und Bedenkenträgerberichte mit Churchills später berühmt gewordenen Worten: "Let me have the best solution worked out. Don't argue the matter. The difficulties will argue for themselves." (Frei übersetzt: Kommt mir nicht mit Problemen, kommt mir mit der besten Lösung. Die Probleme stellen sich von ganz allein ein.)

Samstag, 16. Juni 2012

Mittwoch, 13. Juni 2012: D-Day ganz anders(herum)

Der Teppich von Bayeux. Teppich oder nicht Teppich, das ist eigentlich egal - hier wird auf 68,30 x 0,50 m Leinen in knapp 60 wollgestickten Szenen (9 Farben, mit 3 Färberpflanzen erzielt, und 4 Arten von Stickstichen) die Geschichte von Wilhelm dem Bastard erzählt, der zu einer Strafexpedition gegen Harold den Eidbrüchigen aufbricht, den am Samstag, 14. Oktober 1066, am späten Nachmittag auf dem Schlachtfeld das gerechte Urteil in Form eines tödlichen Pfeils ins Auge ereilt (wie vom Halleyschen Kometen schon am Tage seiner frevelhaften Krönung angedeutet) - die Schlacht bei Hastings hat zwischen 10 und 14 Stunden gedauert, heißt es, und das an einem Samstag: da sieht man doch, wie dringend nötig eine Soldatengewerkschaft ist!!

Kathedrale. An die Kathedrale von Bayeux (sozusagen hinten innen romanisch, vorn und außen gotisch) kann ich mich nicht erinnern - an ihre romanische Krypta mit musizierenden Engeln (ocker, schwarze Konturen, roter Hintergrund) auf den Deckenflächen oberhalb der Kapitelle aber doch.

Mémorial des reporters. Am Stadtrand bildet das 2008 errichtete Denkmal für Journalisten, die bei der Arbeit ums Leben kommen, mit dem Museum zur Normandieschlacht und dem Soldatenfriedhof ein Dreieck zum Innehalten; das Denkmal besteht aus Jahresstelen, auf denen die Namen von Reportern eingraviert sind, die seit 1944 umgekommen sind, und einem jetzt etwas matschigen Rasenweg zwischen den Stelen; den Beginn des Wegs zieren ein Kreis aus hellen Steinplatten und ein schlichter Stein mit einem Zitat von Simone de Beauvoir: "Sich frei zu sehen heißt immer auch, die anderen frei zu sehen."

Soldatenfriedhof. NOS A GUGLIELMO VICTIS VICTORIS PATRIAM LIBERAVIMUS* - Am Mahnmal liegen noch Gebinde von vor einer Woche - die Gabe von der NVA stammt aber nicht von Nostalgikern, die die Nationale Volksarmee weiterleben lassen wollen, sondern schlicht von der Normandy Veterans Association, die so langsam auch ausstirbt; auf dem Friedhof liegen überwiegend englische Soldaten aller Dienstränge und Truppenteile, aber auch reihenweise deutsche. Traurig.
*Für Nicht-Lateiner: Wir, die von Wilhelm (dem Eroberer) Besiegten, haben das Land des Siegers (von damals) befreit.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Dienstag, 12. Juni 2012: Caen-Caen im Regen

Shopping. Wir kaufen sogar zwei neue Regenschirme, weitere Leggings und ein langärmeliges Hemd - und als Ausgleich gegen leichten Nass- und Kaltfrust "plündere" ich noch die BD-Läden in der rue froide (ja, die heißt wirklich so, und nein, so schlimm war es auch nicht - habe jede Menge in den Läden gelassen).

Mittagspause. Es wird und wird nicht besser mit dem Regen - wir sitzen ewig in einem Bar-Tabac, wohin alle möglichen Leute kommen, um dort ihr mitgebrachtes Mittagessen zu vertilgen und sich ein Getränk dazu zu bestellen; nach dem café au lait nimmt der Regen gefühlt eher noch zu, und auch der nachgeschobene chocolat chaud bringt keine Besserung. Seufz.

Abbaye aux hommes. Eigentlich wollen wir ja gar keine geführte Besichtigung machen, aber die Klostergebäude aus dem 18. Jhdt., später lange Zeit Schule, jetzt Stadtverwaltung, sind auch ganz nett, man kann die meiste Zeit in überdachten und windgeschützten Räumen verbringen, unter den Kristalllüstern der Benediktiner (Murano-Glas, aber nicht bunt, sondern mit Kreuzen verziert …) oder in den Prachttreppenhäusern mit breiten, frei tragenden Treppen; besonders schön ist der gotische Saal, in dem jetzt der Stadtrat tagt - hoffentlich resultieren so erhebende Räume in gehobener Qualität der Entscheidungen!

Abbatiale de St-Etienne. Die recht finstere romanische Kirche mit gotischem Chor, das Pendant zu Königin Mathildes Dreifaltigkeitskirche, beherbergt eine Grabplatte für Wilhelm den Eroberer, zu seinen Lebzeiten Conditor der Abtei (ja, so steht's auf der Platte - für alle Nichtlateiner: nein, er hat nicht etwa die Mönche mit Törtchen und Croissants versorgt, sondern bloß die Abtei gegründet), und eine Orgel des hierzulande berühmten Orgelbauers Cavaillé-Coll, der in seinem Leben 499 solcher Instrumente hergestellt hat.

Wilhelm der Eroberer. Mit den Zügen von Charlton Heston und eingekleidet von Dior (allerdings in einen Umhang gehüllt, von dem ich steif und fest behaupte, dass er aus Fensterleder besteht) steht die Wachsfigur Wilhelm des Bastards unter einer der erwähnten Prachttreppen gleich hinter der Sakristei, während einer seiner Oberschenkelknochen im Grab die Stellung hält - den reisefreudigen Rest hat's in alle Himmelsrichtungen verschlagen, in alter Tradition seiner Englandfahrt, die er bestimmt nur unternommen hatte, um den blöden Beinamen durch einen ruhmreicheren ersetzen zu können.

St-Pierre. Die dem heiligen Petrus gewidmete Stadtkirche gleich zu Füßen der Festung ist flammend flamboyant - sozusagen ein steinernes Spitzendeckchen mit mehreren Hainen von hängenden Schlusssteinen.

P.S. Manche Deutschen müssen die Leute in Caen doch sehr beneiden - nicht nur um die Schuhläden mit den ausgeflipptesten Sandalen, die garantiert mit den schönsten Konditoreierzeugnissen konkurrieren können, sondern vor allem um die D.MARK. Ich habe sie fotografiert.

Montag, 11. Juni 2012: Geschichte des 20. Jahrhunderts: einmal volltanken, bitte!

(o.k. … nur ein einziges Thema, da mache ich dann eine Ausnahme von der Ein-Satz-Regel, zumal die, die es kürzer lieben, schon hier mit dem Lesen aufhören können, denn in der Tagesüberschrift ist schon [fast] alles gesagt.)

Mémorial de Caen. Der "Untertitel" dieser Gedenkstätte lautet "ein Museum für den Frieden", und ich habe 9 (in Worten: neun) Stunden darin verbracht, ganz ohne Pause - es ist sehr gut, aber auch sehr teuer, denn incl. Audioführung ist man mit etwa 20 Euro pro Person dabei..

Die Geschichte des 6. Juni 1944 wird hier sehr gründlich ausgebreitet und wieder zusammengekehrt: es beginnt mit dem 1. Weltkrieg und dem Frieden von Versailles, legt einen Schwerpunkt auf den Themenkomplex "Weltkrieg, totaler Krieg" mit ein paar Berührungspunkten zur Gedenkstätte in Nanjing (für das dortige Massaker 1937), zeigt natürlich viel über die Normandie-Schlacht und bringt dann die Entwicklungen des kalten Krieges, bevor zumindest dieses schreckliche Kapitel nach einigen Schlaglichtern auf Berlin mit dem Fall der Mauer fertiggeschrieben wird; ein Film stellt die Frage, ob die Menschheit denn nun etwas gelernt hat, und wagt leise Hoffnung …

[Ich hatte übrigens gehofft, dort zu lernen, wie man ein sehr komplexes Thema so aufbereitet und zusammenfasst, dass man es in einer Viertelstunde konsumieren und verstehen kann - die Hoffnung wurde leider (aber erwartungskonform) enttäuscht - als Entschädigung habe ich wenigstens mein erstes Mauerstück gesehen!]

Dienstag, 12. Juni 2012

Sonntag, 10. Juni 2012: Caen, Festung, demilitarisiert

Festung. Ein etwas höherer Hügel, von dem aus man einen schönen Panoramablick über das Umland hat: das fand schon im 11. Jhdt. Wilhelm der Eroberer prima und hat eine schöne Festung anlegen lassen - mit immerhin so weiten Mauern, dass im Falle eines Falles die Bewohner der Stadt, die sich am Fuße des Hügels entwickelt hat, darin Zuflucht finden konnten; heute überspannen feste Brücken den breiten Burggraben und alle Tore stehen offen, so dass die Besucher scharenweise hereinbrechen und sogar auf Mauern und Türmen herumlaufen können.

Musée des Beaux-Arts. Eine ansprechende moderne Museumsarchitektur innerhalb der alten Festungsmauern, darin eine hochkarätige Gemäldesammlung vom 15. Jhdt. bis zur Gegenwart, meistenteils sehr gut präsentiert, und das in nicht allzu kalten und vor allem trockenen Räumen - wenn das nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet!

Musée de Normandie. Von der Steinzeit (hier auch Dolmen und Tumuli!) bis zur Gegenwart in trockenen Räumen - mir haben die Holzschuhe mit geschnitzten Zehen am besten gefallen: da kann man sich auch unbesorgt drauftreten lassen.

Abbaye aux dames. Im Westen der Stadt und in Sichtweite der Abbaye aux hommes befindet sich die Grablege der Königin Mathilde in der Abteikirche Ste-Trinité; die Gründung der Abtei war die Gegenleistung für die Gehmigung der Ehe mit Wilhelm dem Eroberer, ihrem "Cousin fünften Grades" (ab dem siebten Grad sei es erlaubt gewesen) - aber ist das eine Entschuldigung dafür, dass die Krypta geschlossen war??

Prozession. Auf der Suche nach einem Restaurant, das sonntagabends geöffnet hat, begegnet uns eine Fronleichnamsprozession - ein freundlicher Herr verteilt Zettel mit einem Gebet von Franz von Assisi und Infos über Fronleichnam und dass das ein Freudenfest sei, aber das kommt leider keineswegs so über: das Weihrauchfassschwenkerballett und die monotonen Gesänge wecken eher Erinnerungen an Monty Python's Büßerprozession … dona eis requiem … mwrovv.

Montag, 11. Juni 2012

Samstag, 9. Juni 2012: Mehr Käse und Gartengeheimnisse

Camembert - der Ort. Drei Häuser, eine Kirche mit Kirchhof, ein Rathaus, das feingemachte Fachwerk-Anwesen, in dem Marie Harel einen flüchtigen Mönch versteckt und später dessen Käsegeheimnis zur Basis einer Erfolgsgeschichte verfeinert hat, und ein Museum sowie eine 'maison du Camembert' - da kann sich Pont-l'Evêque ein Tortenstück von abschneiden.

Camembert - das weltweit bekannte Markenprodukt. Von einem Bauernmädchen "erfunden", Napoleon schmackhaft gemacht (1. Streich), mit der neuen Zugverbindung nach Paris geliefert, bunte Etiketten als Mittel der Kundenkommunikation erfunden (2. Streich - damals gab es angeblich außer Erbauungsbildchen noch keine farbig bedruckten Papiere in Privathaushalten), im 1. Weltkrieg jede Woche eine Tagesproduktion für die französischen Soldaten gespendet (3. Streich), Produktion industrialisiert, weltweiten Vertrieb aufgebaut, durch den Einsatz von pasteurisierter Milch den Käse standardisiert und so auf Massengeschmack und Vertrieb im Supermarkt-Kühlregal ausgerichtet (4. Streich) und dann trotzdem noch eine AOC-Variante kreiert: so macht man das. Von wegen Bauernhof-Idylle!

St-Pierre-sur-Dives. Heute ein Nest, hat St-Pierre-sur-Dives eine lange Geschichte, von der eine große Abteikirche, ein Kreuzgangflügel und ein Kapitelsaal zeugen - noch faszinierender ist aber die große geschlossene Markthalle (85 m lang) aus dem 11. Jahrhundert, in der also seit fast 1000 Jahren Markt abgehalten wird.

Gartenführung. Eine Tür- und Augenöffnungssonderführung durch private (Winter-)Gärten bringt uns ein Handwerk nahe, das ich bisher immer eher abfällig betrachtet habe: das des "rocailleur" oder "cimentier", der aus Drahtgerüsten und Zement die schönsten Felslandschaften und Baumstämme kreiert - die Italiener sollen hierin besonders bewandert gewesen sein, und die Chinesen mit ihrer Vorliebe für bizarre Steinformationen auch im Gartenformat hätten sie bestimmt um die Ergebnisse ihrer Arbeit beneidet.

Hausbesichtigung. Einer der Gartenbesitzer lädt die 8 Teilnehmer der Führung auch noch ins Haus ein - da ist das Dilemma: was tun mit einem schönen großbürgerlichen Haus vom Ende des 19. Jhdts., wenn man weder im Museum leben will noch restaurieren oder neu gestalten kann? Warten, bis der aufwendig geschnitzte hölzerne Kamin, die Wandvertäfelungen, die famose Stuckdecke verfallen?

Caen. Am späten Nachmittag machen wir einen ersten Orientierungsgang in Caen - sieht vielversprechend aus, mit interessanten Kirchen und einer großen Festungsanlage mitten in der Stadt, ein Zentrum geistlicher und weltlicher Macht, heute von einer pinkfarbenen Welle durchschwappt, denn es findet offenbar eine Art "WeiberVolksLauf" statt.